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"Lebe
meinen Traum in vollen Zügen" OVB 31.12.05
Mitglieder der Gleitschirmvereins Inntal sind fasziniert
vom Fliegen - Verein stellt Welt- und deutschen Meister
VON DANIELA LINDL
Rosenheim/Inntal
- "Für mich ist dieser Sport eine ideale Kombination aus Abenteuer und
Herausforderung", sagt Werner Schütz. Um das "Gefühl der absoluten
Freiheit" zu erleben, nimmt der 42-jährige Pilot des Gleitschirmvereins
Inntal so manche Strapazen auf sich. Seit 1990 gehört Schütz mittlerweile
dem Verein an. Durch das Bergsteigen kam der Sportler zum
Gleitschirmfliegen, denn "es ist genial, wenn man nicht zu Fuß den Berg
hinunter gehen muss''. Anfangs war das Fliegen für Schütz lediglich eine
Abstiegshilfe vom Berg. Doch schon bald war er dieser Sportart regelrecht
verfallen und die Leidenschaft war entfacht. "Das Gleitschirmfliegen macht
süchtig. Man will immer weiter und immer länger fliegen", erzählt der
erfahrene Pilot. "Die Eindrücke, die man bei seinen Flügen sammelt, sind
überwältigend und lösen Glückshormone aus". Andere wichtige Erlebnisse im
täglichen Leben würden daneben fast verblassen.
So mancher passionierte Gleitschirmflieger hat nach Schütz' Erfahrungen
Schwierigkeiten im sozialen Umfeld. Nicht alle Familien hätten Verständnis
für diese extreme Sportart. "Zum
Glück habe ich mit meiner Frau Andrea eine tolerante Partnerin, die mir
keine Vorwürfe macht, wenn ich Hals über Kopf aufbreche, weil ideales
Flugwetter angesagt ist betont der zweifache Familienvater. Auch sein
Arbeitgeber, die Firma "Rasco", zeige Verständnis für sein Hobby. Der
Abteilungsleiter für Software im Elektronikbereich opfert rund 80 Prozent
seines Jahresurlaubes für seinen Sport. "Ich lebe meinen Traum in vollen
Zügen. Es gibt nur rund zehn Hammertage im Jahr, an denen das Wetter
optimal fürs Fliegen passt. Und an solchen Tagen brauche ich frei, sonst
bin ich unausstehlich. "
Nicht ganz so flexibel kann Rüdiger Hübel, Vorstand des Gleitschirmvereins
Inntal, sein Hobby ausüben. Der 36-Jährige muss sich als Bankkaufmann an
relativ starre Arbeitszeiten halten und vorplanen: "In meinem Beruf kann
ich nicht so spontan agieren. Ich sehe das Gleitschirmfliegen nicht als
Hochleistungssport, sondern ich fliege aus Spaß." Da der Kolbermoorer
hauptsächlich am Wochenende seinem Hobby nachgehen kann, macht ihm das
Wetter oft einen Strich durch die Rechnung. Die Temperaturen und die
Thermik müssen passen, es muss schwachwindig sein und nur wenig Wolken
dürfen am Himmel stehen. jm Laufe der Zeit wird ein Gleitschirmflieger in
Bezug auf das Wetter ein richtiger Spezialist. Immer wieder aufs Neue muss
man sich mit den Windsystemen auseinandersetzen", erklärt Rüdiger Hübel.
Auch er habe eine verständnisvolle Freundin. Die Faszination des
Gleitschirmfliegens lässt auch Hübel nicht mehr los: "Es ist
unbeschreiblich, als Mensch in der Luft die Natur von oben sehen zu
können. Man entfernt sich von der Welt und wird selbst immer kleiner. Ich
entspanne mich dabei und kann aus diesem Sport Kraft für den Alltag
schöpfen." Hübel gehört dem Gleitschirmverein seit dem Jahr 1999 an und
ist seit 2001 Vorstand.
Die Kosten für die Fluglizenz sind nach Auskunft der Piloten vergleichbar
mit denen eines Autoführerscheins. Voraussetzungen für diese Sportart sind
körperliche Fitness, Entscheidungs-freudigkeit und ein gewisses Maß an
Risikobereitschaft. Ab 16 Jahre kann man dem Gleitschirmverein beitreten.
Durch
die weltweite Vernetzung im Internet kann sich heute jeder Pilot über die
Konkurrenz und andere Vereine informieren. Am Computer können Startplätze,
Flugstrecken, Entfernungen und Flugzeugtypen untereinander verglichen
werden. "Ich kann mich zu jeder Tages- und Nachtzeit darüber informieren,
wo ich selbst stehe oder auf welchem Platz sich mein Verein gerade
befindet. Dadurch, dass man sich die Flüge der anderen Piloten anschaut
kann man viel lernen", erzählen die erfahrenen Sportler. Angst vor einem
Absturz haben Werner Schütz und Rüdiger Hübel nicht: "Ein Restrisiko kann
man nie ausschließen. Aber je mehr wir fliegen, umso sicherer werden wir
in unserer Schirmbeherrschung. Und die Alpen sind das beste Flugrevier
weltweit."
Weltmeister aus dem
Inntal
Dass dieses Training auch
Erfolge bringt, bewies der Gleitschirmclub, (GSC) Inntal heuer. Er wurde
erstmals Weltmeister und deutscher Meister im Online Contest (OLC) 2005.
Hierbei handelt es sich um die internationale und nationale Gleitschirm
Streckenflugmeisterschaft.
Der Online Contest des DHV (Deutscher-Hängegleiter Verband) ist in den
vergangenen Jahren zu einem Wettbewerb mit internationaler Beteiligung
gereift. Insgesamt haben etwa 2000 Piloten aus 22 Nationen an diesem
Wettbewerb teilgenommen.
Folgenden Spitzensportlern ist es zu verdanken, dass der GSC Inntal
erstmalig die Weltspitze erklimmen konnte: Hans Bausenwein aus Brannenburg,
Werner Schütz aus Höhenmoos, Hans Keim aus Brannenburg, Johannes Sturm aus
München, Rolf Wagner aus Reichenhall und Stefan Bocks aus Frasdorf. In
einem packenden Kopf-an-Kopf Rennen mit dem Schweizer Team um den ersten
Platz in der internationalen Wertung konnten die Inntaler Piloten noch am
allerletzten Wertungstag die endgültige Führung übernehmen. Bei fast
unfliegbarem Wetter gelang es Stefan Bocks zusammen mit dem neuen
Vereinsmeister, Hans Bausenwein, nochmals am Heimatberg, der Hochries, zu
punkten.
Inzwischen hat der GSC Inntal 112 Mitglieder. 36 Piloten haben im
internationalen OLC für den Verein gepunktet. Und das mit bis zu 200
Kilometer weiten Streckenflügen, die sechs bis acht Stunden dauern. Die
Auswertung erfolgt per GPS und via Internet, so dass die Flüge für jeden
das ganze Jahr über immer abrufbar sind.
Blick in die Geschichte des Vereins
Gegründet wurde der Gleitschirmverein Inntal am 20. April 1989 in Nußdorf.
Gründungsmitglieder waren Hans Bausenwein, Reinhold Speidel, Otto Gottwalt
und Torsten Wulff. Begonnen hat der Verein mit 30 Mitgliedern, heute hat
er 112. Das älteste Mitglied ist 79 Jahre alt, das jüngste 17. Der
Frauenanteil liegt bei unter zehn Prozent. Im Jahre 1994 wurden der Heu-
und Sulzberg als Fluggelände offiziell zugelassen. Zu den Vereinsbergen
zählen neben dem Sulz- und Heuberg das Sudelfeld, die Hochries und die
Kampenwand.
Sportliche Erfolge beruhen auf den Einzelleistungen der Vereinsmitglieder.
Stefan Bocks wurde im Jahre 1997 als erstes GSC-I-Mitglied deutscher
Streckenflugmeister. Seit Jahren fliegt der Gleitschirmverein Inntal in
der deutschen Streckenflugwertung vorne mit. Erstmals erflogen die Piloten
2004 den ersten Platz der deutschen Streckenflugmeisterschaft in der
Mannschaftswertung und den dritten Platz weltweit. Gleich doppelten Erfolg
konnte der Verein im Jahr 2005 verbuchen: den ersten Platz sowohl in
Deutschland als auch weltweit (OLC - Online Contest).
Der Wind kann sowohl Freund als auch Feind sein
Erfahrung der leidenschaftlichen Gleitschirmflieger:
Streckenflugtag muss stets gut vorbereitet sein
Rosenheim/Inntal (dli)
Die besten Flugtage sind zwischen März und August zu erwarten. In diesem
Zeitraum beobachtet ein leidenschaftlicher Gleitschirmflieger nahezu
täglich das Wettergeschehen. Ein potenzieller Flugtag deutet sich etwa
zwei bis drei Tage vorher an. Gewissheit hat man aber meist erst einen Tag
zuvor. Wenn das Wetter passt, versucht der Sportler, sich für diesen Tag
von allen Verpflichtungen zu befreien: Arbeitstermine werden verschoben,
wichtige Aufgaben abgegeben oder vorher durch Überstunden erledigt und
Familienverpflichtungen abgesagt. Wie gut, dass der passionierte
Gleitschirmflieger häufig ein sehr tolerantes Umfeld hat.
Am Abend vor dem Flug steht die Überprüfung des Flug- Equipments auf dem
Programm: Die Batterien müssen voll und die Rettungsauslösung
funktionstauglich sein. Von der Sonnencreme und -brille über Geld bis hin
zum Handy und der Flugverpflegung muss an alles gedacht werden. Zudem
gehört eine intensive Wetter-Recherche per Internet zu den
Flugvorbereitungen. Besonders die Windentwicklung im Laufe des Tages ist
von großer Bedeutung. Der Wind kann Freund, aber auch Feind eines
Gleitschirmfliegers sein. Sobald der Flieger eine klare Vorstellung vom
Streckenflugpotenzial des bevorstehenden Tages hat, nimmt er Kontakt auf
zu seinen Fliegerkollegen. Es werden am Telefon verschiedene
Streckenmöglichkeiten diskutiert sowie Berg und Treffpunkt vereinbart.

Die Kosten
für die Fluglizenz sind mit denen des Autoführerscheins vergleichbar,
wissen die leidenschaftlichen Flieger Werner Schütz (links), Mitglied des
WM-Teams 2005, und der Erste Vorstand des Gleitschirmvereins Inntal,
Rüdiger Hübel.
Am Flugtag selbst wird aufgrund der Komplexität des Wetters am frühen
Morgen nochmals das Wetter-, Wind- und Temperaturgeschehen überprüft. Nach
einem ausgiebigen Frühstück macht sich der Flieger gegen 9 Uhr auf den
Weg. Während der gemeinsamen Anfahrt zur Bergbahn werden erneut Wind- und
Wetterinformationen ausgetauscht und der geplante Flug wird besprochen.
Oben auf dem Berg angekommen heißt es Wind und Wolken beobachten, eine
letzte Brotzeit zu sich nehmen und die Verpflegung günstig in der
Bekleidung verstauen.
Gegen 11 Uhr geht es für die Gleitschirmflieger richtig los. So mancher
Begeisterte vergleicht das Streckenfliegen mit dem Autofahren: "Es ist wie
kontinuierlich mit 220 Stundenkilometern auf der Autobahn rasen - ohne
dass man bremsen kann." Irgendwann - an sehr guten Tagen nach acht oder
zehn Stunden - landet der Sportler grinsend auf einer Wiese, die möglichst
nahe an einer Ortschaft oder einer Straße liegt. Jetzt wird schnell
zusammengepackt, um noch vor Einbruch der Dunkelheit den nächsten Bahnhof
für die Rückfahrt zu erreichen. Nicht selten wird die Ehefrau oder
Freundin per Handy angerufen, um Taxi zu spielen.
Gegen 22 Uhr wertet der Flieger noch die Daten aus seinen Fluginstrumenten
(GPS) auf dem PC aus und lädt sie auf den OLC- Server in Internet.
Unmittelbar danach kann sofort die derzeitige Platzierung eingesehen
werden.
Das endgültige Tagesresultat am folgenden Morgen zeigt anhand von Eingaben
anderer Streckenflugbegeisterter, ob der Gleitschirmflieger den Flugtag
optimal genutzt hat oder ob es "nur wieder mal ein anstrengender, aber
unvergesslicher Tag" war.
Rosenheimer im Aufwind. Per Paragleiter nach Monaco
aus: ECHO - die aktuelle Wochenzeitung für Stadt und
Landkreis Rosenheim vom 10.08.05
Stefan Bocks (35) überwindet 800 Kilometer zu Fuß und mit Paragleiter
Kletternd oder gleitend, auf alle Fälle höchst spannend verbringt Stefan
Bocks aus Rosenheim momentan seine Zeit. Zusammen mit 16 weiteren Athleten
stürzte sich der 35jährige über dem senkrechten Schlund der
Dachstein-Südwand in ein großes Abenteuer. Mit dem Paragleiter wollen sie
die 800 Kilometer Luftlinie vom Dachstein in Österreich, bis an die Küste
Monacos zurücklegen. Dabei geht es nicht vorrangig darum, welcher der
Abenteurer der größte oder schnellste ist, sondern vor allem darum, mit
sich selbst im Einklang zu sein. Das Leben ist ein Abenteuer, der
Familienvater Stefan Bocks genießt es in vollen Zügen. Begleitet wird er
von Hansi Keim (33) aus Brannenburg. In dieser Woche wollen sie Monaco
erreichen.
Der Wettbewerb nach Monaco heißt "Red Bull X Alps 2005" und beinhaltet
folgende Tour:
Die Teilnehmer fliegen mit ihrem Paragleiter so weit es geht in der
turbulenten Thermik über die Alpen, landen möglichst sanft und wandern
dann weiter mit ihrem 20 Kilogramm schweren Rucksack. Dabei schlafen sie
naturgemäß so wenig wie möglich und klettern bis zum nächsten Absprungort
wieder den Berg hinauf... und so weiter ... bis sie je nach Windlage, etwa
12 Tage später in Monaco ankommen. Männer und Frauen sind dabei bei diesem
Trip, lassen sich nicht unterkriegen von Regen, Sturm und Kälte. Stefan
Brocks liegt Klasse im Rennen. Er ist super motiviert und hat bereits die
Hälfte der Strecke geschafft.
Im Internet kann man seinen Standort über
www.redbullxalps.com
ganz genau verfolgen.

Eine Filmcrew ist mit Helikoptern, Paragleitern und Landrovern immer ganz
dicht dran. Petra Maier
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